MapNews
Veranstaltungen
www.topographen.de
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
Icon
Kommunikation über die Raum-Zeit-Matrix Berlin, Germany

 
Wichtig für die Stadtentwicklung in Westberlin nach 1945 war der hohe Grad an Kommunalisierung von Grund und Boden. Das lag nicht nur in den umfangreichen und ruinösen Grundstücksankäufen der Weimarer Zeit und den zusätzlichen Enteignungen unter den Nationalsozialisten. Wichtig war auch ein Abkommen zwischen dem Senat von Berlin und den jüdischen Treuhandorganisationen, das 1955 geschlossen wurde.
Die Treuhandorganisationen hatten bis zu jenem Jahr eine Vielzahl an Grundstücken zugesprochen bekommen. Zudem waren viele Verfahren anhängig, in deren Ergebnis der Immobilienbesitz dieser Organisationen noch weiter gestiegen wäre. JRSO & Co. hatten aber an sich gar kein Interesse an Häusern. Sie brauchten lediglich Geld, daß sie im Ausland für jüdische Institutionen und Belage einsetzten. Der Immobilienmarkt in Westberlin lag am Boden, weil zum einen der Zustand der meisten Häuser in Folge von Kriegsschäden katastrophal war und zum anderen die unsichere Stellung Westberlins auswärtige Investoren davor abschreckte, sich zu engagieren. Ein Verkauf der Häuser zu annehmbaren Preisen war auf absehbare Zeit nicht möglich.
Die Treuhandorganisationen schlossen deshalb am 1. April 1955 besagtes Abkommen mit dem Senat, laut welchem das Land Berlin sämtlichen Immobilienbesitz der JRSO, der JTC und der JTC BF übernahm, ergänzt um alle Immobilienansprüche, die die Treuhandorganisationen zu jener Zeit verfolgten. Im Gegenzug zahlte Berlin 13.500.000 DM, wovon 1.000.000 DM an die wiedergegründete Jüdische Gemeinde Berlin ging. Leider kenne ich den Umfang der Immobilientransaktion nicht. Man kann aber wohl davon ausgehen, daß der Senat auf diese Weise mit einem Schlag Eigentümer von tausenden, wenn nicht zehntausenden Berliner Grundstücken wurde.
Interessanterweise steht die Jewish Claims Conference, Nachfolgerin der JRSO, heute vor einem ähnlichen Problem. Sie hat keinerlei Interesse daran, die ihr übertragenen Häuser in Ostberlin zu behalten. Da aber die Immobilienpreise nun schon über lange Zeit auf Tiefstständen angekommen sind, erweisen sich die Besitztümer gerade in den Außenbezirken als unverkäuflich. Der Häuserblock in Johannisthal, Waiblinger Weg/Ecksteinweg zum Beispiel gehört seit Jahren der Claims Conference. Es gibt durchaus Interessenten dafür, die aber nicht den von der Claims geforderten hohen Preis bezahlen wollen. Die Claims selbst verzichtet auf jegliche Investitionen und sorgt auch nicht für Neuvermietungen, was zu einem Niedergang des gesamten Blocks in der Sozialstruktur und im öffentlichen Erscheinungsbild führt. Außerdem gibt es zunehmend Probleme mit drogenabhängigen Jugendlichen, die die weitgehend leeren Aufgänge für ihre Partys nutzen. Nur diesmal wird der Senat wohl zu keiner Pauschalübernahme bereit sein, denn die Zeit der Milliardensubventionen ist vorbei und das Land bankrott.

(Quelle für die Nachkriegszeit: Charles I. Kapralik: Reclaiming the Nazi loot. The history of the work of the Jewish Trust Corporation for Germany; London 1962, vor allem S. 102-104.)
 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma